Dienstag, 19. Mai 2009

Arme Kulturlandschaft

(aus ff, Nr. 20, 2009)

Die ungebremste Intensivierung der Landwirtschaft von der Talsohle bis zu den höchsten Almen hinterlässt ihre Spuren. Warum der Arten- und Biotopschutz in Südtirol ein stiefmütterliches Dasein fristet.
von Andreas Hilpold

Auf den ersten Blick ist Südtirol auch im Naturschutz ein Musterschüler. Besonders was Klimaschutz, Mülltrennung und Abwasserreinigung betrifft, können wir uns durchaus mit unseren Nachbarn messen. Beim Artenschutz allerdings spielen wir allenfalls in der zweiten Liga. Der Erhalt der Biodiversität ist spätestens seit Rio 1992 neben dem Klimaschutz das wichtigste Thema der weltweiten Bemühungen zur Rettung unseres Planeten.
Arten sterben nicht nur am Amazonas aus, sondern verschwinden auch direkt vor unserer Haustür. Hauptursache für den derzeitigen Artenschwund ist hierzulande die ungebremste Intensivierung in der Landwirtschaft: Von der Talsohle bis zu den höchsten Almen wird noch immer planiert, entwässert und Gülle ausgebracht, wo es nur geht. Hinzu kommt, dass in einem Land, in dem Geld für fast alles zur Verfügung steht, beim Arten- und Biotopschutz empfindlich gespart wird.

Bei der Ausweisung von Naturschutzflächen ist Südtirol nur auf den flüchtigen Blick erstklassig. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass ein Gutteil davon kaum wirtschaftlich nutzbar ist und daher auch ohne Schutz unbehelligt bleiben würde. In den Talsohlen und an den besiedelten Seitenhängen unserer Täler allerdings, wo zahlreiche wirtschaftliche Interessen im Spiel sind und sich auch der Großteil der Arten befindet, die nun zu verschwinden drohen, sind Schutzgebiete Mangelware. Wahre Naturjuwelen wie die Villanderer Alm, wo von den Grundeigentümern ein gewisser Widerstand ausgeht, bleiben hingegen weiterhin ausgespart bzw. sind allenfalls als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen, also mit einem Schutzformat, das bezüglich Artenschutz relativ wirkungslos ist und zudem nur allzu oft von politscher Seite untergraben wird.
Selbst die Schutzgebiete, die sich mitten in der Kulturlandschaft befinden, sprich die knapp 200 „Biotope“, bieten nur einen ungenügenden Schutz für Tiere und Pflanzen. Die beamteten Naturschützer sind gerade im Falle der „Bio­tope“ personell zu hoffnungslos unterbesetzt, als dass sie einer wirkungsvollen Pflege und Kontrolle nachkommen könnten. Hier zählt man vielmehr auf den guten Willen von Kontrollorganen vor Ort und entsprechend ist das Ergebnis einmal zufriedenstellend, einmal völlig ungenügend. Von einem umfassenden Konzept einer Schutzgebietsbetreuung ist man noch weit entfernt.
Ob Naturschutz gelingt oder nicht, misst sich daran, ob Lebensräume samt ihrer unverwechselbaren Flora und Fauna eine reale Chance haben, auch zu überdauern. Doch um darüber verlässliche Aussagen treffen zu können, bräuchte es gezielte Erhebungen – Erhebungen, um den Istzustand zu dokumentieren und Vergleichserhebungen, die den Erfolg von Maßnahmen zeigen.
Der Kenntnisstand über zahlreiche Artengruppen ist hierzulande noch beschämend – frei nach dem Motto: was man nicht kennt, braucht man nicht zu schützen. Es fällt auf, dass bei der Einstellung des notwendigen akademischen Fachpersonals etwa in den Naturparken, sprich von ausgebildeten Zoologen und Botanikern, hartnäckig gespart wird. Auch fehlt nach wie vor – und da ist Südtirol absolutes Schlusslicht in Mitteleuropa – eine flächendeckende Lebensraumkartierung, die als Voraussetzung für einen ernst zu nehmenden Artenschutz unumgänglich wäre. Es scheint, dass von politischer Seite die zunehmende Degradierung unserer Kulturlandschaft und mit ihr der Verlust der Artenvielfalt in Kauf genommen wird – zum scheinbaren Wohl einer übermächtigen Bauernlobby, doch zum Leidwesen des Allgemeinwohles. Denn die Leidtragenden dieser Politik sind nicht nur ein paar unscheinbare Tier- und Pflanzenarten sondern die ganze Gesellschaft, vom Erholungsuchenden bis zum Bauern selbst. Nach und nach verlieren wir einen Teil dessen, was unser Land zum Erlebnis macht.

Das Offenhalten unserer Landschaft ist in Naturschutzkreisen seit Jahrzehnten ein zentrales Anliegen. Es ist diese Landschaft, die einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet. Doch offen ist nicht gleich offen. Eine Wiese ist natürlich offene Landschaft, dem Wanderer wird ein freier Blick auf Berge und Täler geboten. Doch ist dies das einzige Kriterium? Gehören zur Landschaft nicht auch die Farbtupfer im Grün der Wiese, der mit Flechten behangene Steinblock am Wiesenrand oder die sumpfige Stelle in der Wiesenmitte, die nicht nur für Frösche, sondern auch für spielende Kinder einen Anziehungspunkt darstellt? Ist eine Landschaftspflege förderungswürdig, die nur den freien Blick bewahrt und den ganzen Rest verschwinden lässt?
Es wäre natürlich vermessen, jegliche Veränderung von vorneherein zu verhindern. Vielmehr geht es darum, einen Mittelweg zwischen der halbwegs effizienten Nutzung der Fläche und dem Erhalt dessen, was die unverwechselbare Landschaft am Ende ausmacht, zu finden. Doch wie bewegt man einen Bauern dazu, die Landschaft so zu erhalten, dass sie der Allgemeinheit nützt und wie garantiert man ihm gleichzeitig eine angemessene Entlohnung? Pflegeprämien sind natürlich der richtige Weg, schließlich bringt der Bauer durch die Pflege der Kulturlandschaft und seiner Hofstelle eine Mehrleistung, die uns allen zugutekommt. Über die Wichtigkeit dieser Rolle scheint mittlerweile auch in der Bauernschaft selbst Konsens zu bestehen.
Doch leider wird dieser Weg nicht nur halbherzig, sondern auch zwiespältig begangen. Zwar gibt es mittlerweile beträchtliche Landschaftspflegepremien für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Kulturflächen, doch gleichzeitig wird auch gefördert, wenn der Bauer dieselbe Fläche entwässern und planieren würde. Es scheint so, als ob das Agrarressort und das Umweltressort an zwei verschiedenen Strängen ziehen. Die einen bewahren, die anderen „meliorieren“.

Eine Polarität, die fast inszeniert erscheint. Auf der einen Seite der Bauer, der das Maximale aus der Fläche rausholen muss, auf der anderen Seite der Naturschützer, der dem fleißigen Bauern Steine in den Weg wirft. Eine einfache Botschaft. Aber wie so oft sind die einfachsten Botschaften nicht die richtigen. Das Hauptinteresse der Naturschützer ist es sicherlich nicht, die Existenz unserer Bauern zu gefährden, ganz im Gegenteil, und kaum ein Bauer ist wirklich daran interessiert, seine Felder in eine ökologische und landschaftliche Einöde zu verwandeln. Wenn er das tut, dann eher, weil ihm dies als einzig gangbarer Weg von politischer Seite suggeriert wird. Ein Wort noch zur viel zitierten Qualität. Was ist Qualität eigentlich? Sind einzig die chemischen Werte des Endproduktes ein Indiz dafür? Kann man wirklich von hoher Qualität eines Produktes sprechen, wenn die Produktion desselben eine völlig degradierte Kulturlandschaft zurücklässt? Wenn die Nahrungsmittelproduktion in den Alpentälern eine wirkliche Zukunft haben soll, dann nur, wenn sie die Standortvorteile, die sie hat, erkennt und diese gezielt einsetzt.
Der Standortvorteil wäre etwa bei der Milchproduktion die Kuh, die in einer möglichst intakten Landschaft gehalten wird, und dabei hochwertige Produkte liefert. Wer auch hierzulande auf Massenproduktion setzt, hat gegen die Milchmultis aus dem Alpenvorland schon verloren – Almosen betteln in Brüssel bleibt dann als letzter Ausweg.
Die hiesige Bauernschaft oder eigentlich die politische Lobby, die dahintersteckt, hat sich scheinbar für den letzteren Weg entschieden, möchte ihn uns aber immer noch als einen nachhaltigen Weg verkaufen. In dieses Schema passt auch das Schattendasein der Biolandwirtschaft in unserem Lande, vor allem in der Milchwirtschaft. Eine Stärkung dieser wäre wohl ein Eingeständnis, dass es auch natürlicher geht.
Es bleibt zu hoffen, dass in der heimischen Politik ein Umdenken passiert, wobei dafür zuallererst die Einsicht notwendig wäre, dass die derzeitige Landwirtschaftspolitik längerfristig nicht nur für die Natur, sondern auch für den Menschen negative Auswirkungen hat.

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